• Sonja Witte

Ändere den Blick - über Yogaphilosophie





Weißt du, was Yogaphilosophie mit Liebe zu tun hat? "Philosophie" ist griechisch und bedeutet "Liebe zur Weisheit". Yogaphilosophie wäre also die "Liebe zur Yoga-Weisheit".


Die Weisheit lieben


Klingt viel weniger verkopft als es der Philosophie sonst immer zugeschrieben wird, oder? Ich glaube, es ist ein nicht unbedeutender Schritt. Sich genau dieses ursprüngliche Verständnis wieder bewusst zu machen. Es verändert unseren Blick.


Und genau darum geht es in der Yogaphilosophie: Unseren Blick zu verändern!


Bist du schonmal, als du groß warst, wieder in deinem alten Kindergarten gewesen? Ziemlich merkwürdig ist das! Alles, was einem damals riesig vorkam, die Eingangstür, die Treppen, die Räume, die Stühle, der Weg zum Spielplatz, der Spielplatz selbst - damals war das ein eigenes Universum!

Und dann, nach Jahren, sehen wir: Eigentlich ist alles ziemlich klein. Es wirkte damals auf uns nur so, weil wir so klein waren. Unsere Perspektive hat sich ganz natürlich verändert.


Wenn wir dann wirklich groß und erwachsen sind, haben wir schon allerlei erlebt, haben Ideen über uns, über die Welt, über das, was gut und was schlecht ist angesammelt. Wir haben einen Alltag durch den wir uns navigieren, egal wie alt wir sind. Wir haben vielleicht schon "ein Leben aufgebaut" oder sind dabei. Viel Zeit um über existentielle Fragen nachzudenken bleibt vielleicht zwischen all den Aufgaben - der Arbeit, der Familie, der verpassten Amazonbestellung oder der Wahl, welche Serie die nächste sein soll - nicht mehr.


Halten wir fest: Immer mehr hat sich angehäuft.


Die Frage ist nur, will ich das ganze Zeug? Was davon ist wichtig?

Und: Bin ich glücklich? Und frei?

Wirklich glücklich und wirklich frei?


Wenn hier ein Zögern entsteht: Willkommen in der normalen Welt des Menschen! Irgendwas ist immer: Die Rückenschmerzen, die Bahnverspätung, der ärgerliche Chef, die gemeine Kollegin, die lauten Kinder, der zu heiße Sommer, der kalte, dunkle Winter, Trump in den Nachrichten. Diese Liste könnte unendlich sein!


Jetzt kommt die Yogaphilosophie. Und es wird noch ärgerlicher:

Sie sagt einfach: "Hör damit auf."

Punkt.


"Hör damit auf, immer nach draußen zu schauen!"


Hör auf damit, draußen die Gründe für dein Unglück zu suchen. Hör auch auf damit draußen die Gründe für dein Glück zu suchen. Wende den Blick! Schau nach innen. Wechsel die Perspektive. Und beobachte, wie du selbst daran beteiligt bist, Glück und Unglück zu erschaffen."


Und wenn sie nett ist, flüstert sie dir noch liebevoll ins Ohr: "Du kannst zwar so weiter machen wie bisher, aber dann bleibst du einfach sitzen in deinem Rad aus Ärger, Traurigkeit und Leid. Auch ok. Jeder ist frei. Ist nur mein Tipp. Jetzt bin ich ruhig."


Die Geschichte der Yogaphilosophie ist eine Geschichte um genau diesen Wende-Punkt!


Und weil dieser Punkt so unfassbar radikal, eigentlich unverschämt und dann auch noch unverständlich ist - genau deshalb gibt es so viel Yogaphilosophie.


Die verschiedenen Strömungen der Philosophiegeschichte, die verschiedenen Texte, die verschiedenen Praktiken - sie alle kreisen um die Frage unserer Existenz. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte, sie stellen verschiedene Begriffe in den Fokus, sie zeigen verschiedene Modelle, andere Wege.


Und doch geht es, egal auf welche Weise, immer um den Weg nach innen.


Und dieser Weg der Selbst-Beobachtung führt zu Erkenntnis.


Und letztlich zur Freiheit. Manchmal heißt es Moksha, manchmal Kaivalya, Samadhi, Nirvana oder Svantantrya. In den verschiedenen philosophiegeschichtlichen Strömungen versteckt sich hinter der Freiheit immer auch eine andere Nuance.

Aber das ist allen Ideen gemeinsam:


Diese Freiheit ist möglich - und in ihr liegt wahrhaftes Glück!


Ein tieferes Glück, das über die kurzen Glücksmomente hinausgeht. Deshalb verändert Yogaphilosophie so viel. Wenn wir uns wirklich drauf einlassen, verändert sie unseren Blick auf uns und die Welt so sehr, dass wir unabhängiger werden: Glücklich sein dürfen ohne Grund von außen. Ganz entgegen unserer Gewohnheit vielleicht. Aus sich selbst heraus.


Das dieser Weg nicht wie einkaufen gehen ist und man nicht plötzlich permanent mit einem neuen strahlenden Mantel aus Weisheit und Freiheit durch die Welt spaziert, ist vermutlich klar. Und dass Regen kommt und Matsch-Pfützen auf einen warten. Und dass dieser Weg nie nur kognitiv ist, sondern das Fühlen und den Körper einschließt. So dass wir vielleicht irgendwann aus purer innerer grundloser Freude in die Pfützen springen, die da auf uns warten.


Allein das wäre schon ein wunderbarere Änderung des Blicks: neugierig zu sein auf das, was uns alles begegnet, innen und außen.